Bildungsreise Oktober/November 2018

Über die Dächer der Altstadt ging es in das Treiben der Heiligen Stadt

Die „klassische“ Bildungsreise der GdP in das „Heilige Land“  fand vom 28. Oktober bis 06. November 2018 statt und war ein tolles Erlebnis für die Mitgereisten.

Vor dem Reisebericht hier die Stimmen der Teilnehmer – „Ein Satz zur GdP-Israelreise 2018…“:

Markus: „Die Reise war super gut organisiert, war sehr abwechslungsreich, spannend, interessant und beeindruckend.“

Angelina & Andy: „Wir nehmen mehr Eindrücke mit, als wir erwartet hatten.“

Anja & Reinhard: „Es gibt sehr viele Adjektive, die diese Reise für mich beschreiben – interessant, spannend, unerwartet, beeindruckend, anstrengend, angenehm,…“

Anke (I): „Israel ist in religiöser, kultureller, landschaftlicher und archtitektonischer Sicht spannend.“

Andreas: „Klarheiten gewonnen, Interessen geweckt – Danke!“

Sieglinde: „Viele Eindrücke und Gegensätze, ich habe jetzt viel nachzudenken.“

Cordula: „Ihr habt für uns ein großes Haus mit vielen Fenstern geöffnet, danke für sooo viele unterschiedliche Einblicke!“

Rudolf: „Die Tour ist sehr vielfältig! Leider ist die israelische Polizei ausgefallen. Danke!“

Anke (II): „Dies war eine sehr interessante und zum Nachdenken anregende Reise. Dass der Besuch bei der israelischen Polizei ausgefallen ist, ist ein Grund die Reise zu wiederholen!“

Simone (Gertruda): „Vielen Dank. Unvergesslich! Für jeden etwas dabei.“

Mario: „Ihr habt ein ganz breites Panorama aufgemacht, mit Professionalität und Herzblut. ++“

Christiane: „Beeindruckend, informativ, spannend, ‚israelinfizierend’ – dank der hervorragenden Planung und Durchführung von Sven und Yalon. Anregend, gesellig, lustig – dank einer Gruppe von tollen Mitreisenden.“

Diana: „Sehr spannende, bewegende Reise, Gruppe etwas zu groß“

Isa: „Es waren so viele spannende, bewegende und zum Nachdenken anregende Eindrücke, dass sie nicht in einen Satz passen.“

Karin & Detlef: „Eine fantastische Reise, die uns die Vergangenheit nähger brachte, die Gegenwart hier haptisch erlebbar gestaltete und für die Zukunft einen schärferen Blick mitgab!“

Anke & Frank: „Israel ist ein Puzzle, erst alle Teile ergeben ein Bild. Danke für die Organisation!“

Karin & Gerd: „Authentisches Israel erleben durch authentische Leute und authentische Locations:“

Axel: „Voll von unglaublich vielen Informationen und einigen wichtigen Einsichten.“

Marion & Clemens: „Phänomenal: die Reiseleitung, die Reise, die Infos, das Land. Ganz, ganz toll.“

Ronald & Kerstin: „Was soll man nur in einem Satz schreiben? Vielen Dank für wunderschöne Tage! Ich habe das Land noch nicht verlassen, weiß aber schon jetzt, dass ich wiederkommen werde! Kerstin findet, ihr seid wie ein altes Ehepaar 🙂 ihr beide!“

Caroline: „Vielen herzlichen Dank, dass ich an dieser beeindruckenden, vielfältigen, interessanten, spannenden, authentischen, fröhlichen, auch emotional bewegenden Reise teilnehmen durfte. Vielen Dank für euer enormes Engagement und die Organisation dieses tollen Programms :-)“

Sigrid: „Es waren sehr vielfältige Eindrücke, die erst einmal verarbeitet werden müssen. Sehr nahegehend und persönlich beeindruckend waren die Begegnungen mit den einzelnen Personen.Ich kommen wieder!“

 

Und hier für alle Mitgereisten und alle, die gern mit der GdP einmal nach Israel reisen wollen, der Reisebericht von Axel G.:

Reise nach Jerusalem*

*und an anderer Orte Israels und der Westbank

 

„Wenn Ihr nach der Reise nicht mehr Fragen habt als vorher, dann haben wir etwas falsch gemacht“– mit diesem Satz hat unser Reiseleiter Sven mehrfach seinen Bildungsanspruch formuliert, uns mit der Vielfältigkeit des Landes Israel vertraut zu machen – ja sogar zu verwirren. Tatsächlich haben wir eine erstaunliche Vielfalt erlebt: dicht besiedelte Städte an der Küste, menschenleere Wüstenregionen, grüne Wiesen in Galiläa, hohe Berge und den tiefsten Punkt der Erde. Und die Menschen: gläubige und säkulare Juden, Mohammedaner, Drusen, Aleviten, Christen aller Schattierungen; Israelis, Palästinenser, Beduinen – Menschen aus aller Herren Länder. Zu den vielen Eindrücken kamen die vielen Informationen über Land, Geschichte, Kulturen sowie über die politische und gesellschaftliche Lage, mit denen uns unsere Reiseleiter Sven und Yalon versorgt haben. Man sieht ja nur was man weiß. Wie, so fragt man sich im Nachhinein, können so viele unterschiedliche Kulturen auf so engem Raum und unter solchem Druck zusammenleben? Das israelische Kernland und die besetzten Gebiete sind zusammen kaum so groß wie Brandenburg – aber da geht der Streit schon los: welche Gebiete zählen zum israelischen Kernland, welche zu den besetzten Gebieten, was ist mit Ost-Jerusalem? Jede Gruppe zieht die Grenzen anders. Bei unseren Begegnungen mit Menschen haben wir ein breites Spektrum von Meinungen, Ansichten und Bewertungen kennengelernt. Nichts ist so klar und eindeutig, wie wir es aus Mitteleuropa gewohnt sind; da ist es kein Wunder, dass die Bezeichnung von Orten und Sachverhalten bisweilen stark variiert. Vielleicht hat es unsere örtliche Stadtführerin aus Sderot auf den Punkt gebracht, als sie sagte: Es ist schwer für euch das zu verstehen – der mittlere Osten ist verrückt. Und so hatten wir hinterher mehr Fragen als vorher. Bildungsauftrag erfüllt.

 

Doch hier die Einzelheiten:

 

Anreisetag 28. Oktober 2018

Der Tag ist mit vielen Sicherheitskontrollen und mit Warten angefüllt. Das war allerdings auch nicht anders zu erwarten. Die Reisegruppe trifft sich auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Erstes beschnuppern; erster Eindruck: nette Leute haben sich hier zusammen gefunden. Bedingt durch die Zeitverschiebung kommen wir in Teil Aviv nach 16 Uhr an. Als wir den Flughafen verlassen, ist es schon dunkel. Nach dem Einquartieren in der Ruth-Daniel-Residence in Tel Aviv, dem Abendessen und einem Vorstellungstreffen machen wir einen Rundgang durch die Altstadt von Jaffa, der mit einem Absacker-Bier endet. Der erste Eindruck von unserem Reiseleiter Sven und seinem israelischen Kollegen Yalon: die wollen uns etwas vermitteln; die sind begeistert von dem was sie tun – und das steckt an. Alle sind in Erwartung einer packenden und informativen Reise. Der erste Eindruck vom Flughafen bestätigt sich übrigens: es ist eine nette Reisegruppe zusammengekommen; die Stimmung ist ausgesprochen gut.

 

Zweiter Reisetag: 29. Oktober 2018

An das frühe Aufstehen werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Heute sind einige „blaue Bären“ zur Gruppe gestoßen – pensionierte Bundespolizisten, die reaktiviert wurden, um bei dem Neubau der deutschen Botschaft in Tel Aviv für Sicherheit zu sorgen. Morgens geht es durch den Berufsverkehr (also: Stau) zur Universität von Tel Aviv, zum Museum Beit Hatfutsot, dem Museum der jüdischen Kultur in der Diaspora. Sicherheitskontrollen beim Betreten des Geländes; auch daran werden wir uns gewöhnen müssen. Wir machen eine Führung durch die (wegen Umbaus leider teilweise geschlossene) Ausstellung und erfahren einiges über Synagogen, jüdische Familien und äthiopische Juden. Erkenntnis: in der Diaspora haben sich die Juden den jeweiligen Gegebenheiten angepasst, aber dennoch ihre Eigenheiten bewahrt. Vielleicht erklärt dies die Vielfältigkeit dessen, was wir auf der Straße sehen.

Thema des Nachmittages: die Entstehung von Tel Aviv und des Staates Israel, eingeleitet durch ein leckeres orientalisches Essen im Maganda-Restaurant. Ausgehend von dem ältesten Stadtviertel Newe Zedek machen wir einen Stadtrundgang. Der erste Siedlungsplan ist im Shalom-Tower zu besichtigen: eine Stadt, die aus dem Nichts heraus entsteht. Schließlich erreichen wir das Unabhängigkeitsmuseum, das in dem früheren Wohnhaus des hier hoch verehrten ersten Bürgermeisters Dizengoff untergebracht ist und vorübergehend als Kunstmuseum diente. Trotz der Kriegsgefahr haben mutige Menschen im Mai 1948 die Entscheidung zur Gründung des Staates Israels getroffen; der entscheidende Satz von David Ben Gurion bringt es auf den Punkt: Jetzt oder nie! Die eilig vorbereitete Zeremonie musste damals vor Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen sein, da mit Einbruch der Dämmerung der Sabbat begann.

 

Dritter Reisetag: 30. Oktober 2018

Am Vormittag ging es nach Kfar Schemaryahu, einem Dorf, das von Deutschen Einwanderern 1937 gegründet worden ist. Wir konnten zwei Zeitzeugen erleben, die beide so alt sind wie das Dorf und aus eigenem Erleben von den frühen Jahren berichteten. Sie erzählen von der Hühnerzucht ebenso wie von den Nachtwachen, die im Unabhängigkeitskrieg 1948 gehalten werden mussten. Ein markantes Detail ist mir besonders hängen geblieben: als die Bürger des benachbarten Palästinenserdorfes 1948 auf die Flucht gingen, brachten die Dorfältesten den Schlüssel ihres Brunnens dem Bürgermeister des jüdischen Dorfes zur Aufbewahrung. In einem kleinen Museum konnten wir nachverfolgen, wie aus dem Nichts heraus ein Dorf entstanden ist. Schon wieder: aus dem Nichts heraus. Der Pioniergeist dieser frühen Tage wird lebendig.

 

Danach geht‘s im Bus weiter in Richtung Be´er Sheva, der größten Stadt in der Negev-Wüste, die wir allerdings links (genauer gesagt: rechts) liegen lassen. Wir reden über die Begriffe Israeli – Araber – Palästinenser. Und wir erfahren viel über die Beduinen und die besonderen Bedingungen, unter denen sie sesshaft wurden. Noch eins fällt auf: der nördliche Negev ist grün geworden; ja es gibt sogar ausgedehnte Wälder. Ohne künstliche Bewässerung wäre hier alles staubig und grau. Über Arat geht‘s weiter nach Massada, dem Hochplateau über dem Toten Meer, auf dem sich eine Festung befand, die erst drei Jahre nach der Zerstörung des zweiten Tempels (70 nach Christus) von den Römern eingenommen wurde. Die Römer legten dazu von der Rückseite des Felsens eine Rampe an. Über diese Rampe nehmen wir unseren schweißtreibenden Aufstieg zu dem – tatsächlich riesengroßen – Plateau mit seinen vielen Zisternen. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem ermöglichte das Überleben dort – bis zum Jahr 73 nach Christus. Die Abfahrt mit der Seilbahn ist leichter. Doch dann kann uns der Bus wegen einer unfallbedingten Straßensperre nicht abholen; das geplante Bad im Toten Meer wird verschoben. Alle gehen mit der Situation entspannt um; die Verschnaufpause tut gut. Auf zum Kibbuz Kalia, unserem Nachtquartier.

 

Vierter Reisetag: 31. Oktober 2018

Da wir gestern im Dunkeln angekommen sind, konnten wir erst morgens sehen, wo wir uns aufhalten: Kalia – eine (künstliche) Oase in der Wüste. Vormittags geht‘s nach Jericho. Unser Reiseführer Yalon kann nicht mitkommen, da israelische Staatsbürger ohne eine besondere Erlaubnis keinen Zutritt zur Zone A des palästinensischen Autonomiegebiets haben. Unser erster Stopp ist am Ortseingang von Jericho. Ein großer Schlüssel mit der Aufschrift „we will return“ symbolisiert den Anspruch der 1948 geflüchteten Palästinenser und ihrer Nachfahren, in ihre angestammten Wohnorte ins israelische Kernland zurückzukehren. Zusammen mit unserem palästinensischen Reiseleiter Kamal fahren wir zur Ausbildungsstätte der palästinensischen Polizei, die bilaterale Unterstützung von der deutschen Polizei erhält. Der Empfang durch die palästinensische Polizei war sehr freundlich, informativ, aber auch sehr förmlich. Bei einem Gespräch mit deutschen Vertretern wurde hingegen „tacheles“ geredet: so hilfreich die deutsche Unterstützung für die palästinensische Polizei ist, so undurchsichtig sind die Strukturen im palästinensischen Sicherheitsapparat. Unterschiedliche Kräfte schlagen unterschiedliche Richtungen ein. Der Fortschritt ist dabei eine Schnecke. Beeindruckend fand ich die Ausbildungs-Wache, die für palästinensischen Bedingungen geplant wurde und in der Polizisten trainiert werden; nach dem Muster dieser Ausbildung-Wache werden im Westjordanland derzeit 56 Polizeiwachen errichtet, die von der Anzeigenaufnahme über die Beweismittelsicherung bis hin zu den Übernachtungsmöglichkeiten für Polizisten gleich aufgebaut sind. Auch die für Trainingszwecke nachgebauten Palästinenser-Häuser waren für unsere Polizisten ein Traum: Die Räume sind mit Kameras ausgestattet, so dass die Ausbilder das Einsatztraining am Bildschirm verfolgen können. Ich habe den Eindruck, dass hier sinnvolle Unterstützung geleistet wird.

 

Nach dem Mittagessen in Jericho ging es auf den Tell es Sultan, einen Ausgrabungsort der – angeblich – ältesten Stadt der Welt. Kamal zeigte uns die Grundmauern des – konsequenterweise – ältesten Turms der Welt und erklärte, welchen Antrieb es für den Prozess der Urbanisierung des Menschen gab (nein, er ist nicht selber dabei gewesen, aber dazu später mehr).

 

Danach fahren wir zum Kalia Beach und baden im Toten Meer. Das extrem salzhaltige Wasser hat einen Auftrieb, der einen in einer Weise trägt, die man erlebt haben muss. Bei Einbruch der Dämmerung – also etwa 17:30 Uhr – geht es weiter nach Degania, unserem Nächsten Quartier an See Genezareth. Nach dem Abendessen geben Sven und Yalon Einblicke in die neuere Geschichte und Staatenwerdung der arabischen Staaten.

 

Fünfter Reisetag: 1. November 2018

Ein Tag der Emotionen. Morgens geht es in die Golanhöhen. Steile Straßen, Warnung vor Minen am Wegesrand. Einen ersten Stopp machen wir am Tel Saki, einem Hügel mit einem Bunker und einem Gedenkstein für 32 Soldaten, die im Jom-Kippur-Krieg 1973 dort gefallen sind. Von allen Soldaten sind Bilder und Namen auf dem Gedenkstein; das ist offensichtlich wichtig. Dann fahren wir weiter zum Mount Bental. Von hier aus hat man einen Blick über die UN-Pufferzone nach Syrien; der Name des Café auf dem Aussichtspunkt – Coffee Annan – erinnert nicht zufällig an den späteren UN-Generalsekretär. Allerdings haben die Vereinten Nationen hier keinen guten Ruf, da sie nur eine Beobachtungsmission unterhalten. Yalon erklärt viel zu den Hintergründen und man hat – wie so oft – den Eindruck, er weiß alles. Nach einem Mittagessen in einem Drusen-Dorf unternehmen wir ab dem Kibbuz Merom Golan eine Jeep-Tour, die uns zu einem Bunker dicht an der syrischen Grenze führt. Aus der Ferne ist ein dumpfes Grollen zu hören, wie ein Gewitter – allerdings bei blauem Himmel. Dann steigt auf der syrischen Seite hinter einem Berg in etwa zehn Kilometer Entfernung eine schwarze Rauchwolke auf. Gruselig. Beklemmend. Auf dem Rückweg kommen wir an Betonwänden vorbei, die scheinbar einfach so in der Landschaft stehen. Sie dienen als Schutzwände im Falle eines Beschlusses aus Syrien.

 

Wir fahren nach Bir el Maksur, dem Beduinendorf, in dem Sven einen engen Kontakt zu einer Familie hat. Zunächst machen wir dem (frisch gewählten) Bürgermeister unsere Aufwartung, das heißt, wir setzen uns auf vorbereitete Stühle, werden mit Getränken und Süßigkeiten versorgt und brechen dann wieder auf. Dabei sind unsere Gastgeber ausschließlich Männer; die Frauen halten sich im Hintergrund auf, einige wenige lugen neugierig hinter einem Vorhang hervor. Die Kinder sind unbefangen. Dann geht es zu der bereits genannten Familie, wo auf dem Hof Tische aufgebaut sind und wir mit einem tollen Abendessen versorgt werden. Die Kinder sind aufgeregt; wir haben kleine Geschenke für sie mitgebracht. Danach gehen wir zu unserem Gastgeber Deaib ins Wohnzimmer. Dort werden Kardamom-Bohnen in den Kaffee gestampft und Gebäck und Getränke gereicht. Sven erzählt die Geschichte, die ihn mit der Familie verbindet. Eine filmreife Geschichte. Dann geht es zurück nach Degania.

 

Sechster Reisetag: 2. November 2018

Wieder so ein emotionaler Tag. Morgens sind wir in den „Finger von Galiläa“ gefahren, den Bereich zwischen Kiriat Schmone und Metula, der in den Süden des Libanons hineinragt. Im Kibbuz Misgav Am erzählt uns Josef, ein alter Kibbuznik, von der Bedrohungslage durch die Hisbollah, die seit dem Abzug der israelischen Armee 2001 den südlichen Libanon beherrscht. Der Kibbuz liegt auf einer Anhöhe; man kann hinter der Grenze die Stellungen der Hisbollah sehen. Das Vertrauen auf den Schutz durch die israelische Armee ist groß. Josef erzählt auch von einer Geiselnahme, die er selbst im April 1980 miterlebt hatte: Palästinensische Terroristen sind in den Kibbuz eingedrungen und haben im Kinderhaus Geiseln genommen. Es kam zum Kampf. Es gab Tote. Auch Kinder. Grässlich. Dann besuchen wir sein Flaschenöffner-Museum und machen ihm eine Freude, denn – auf Svens Anregung – haben wir neue Flaschenöffner mitgebracht.

 

Danach geht‘s zum Moshav Kfar Yuval, der von indischen Juden – ja, auch die gibt es – gegründet worden ist, und der ebenfalls an der Grenze zum Libanon liegt (Moshav ist eine ähnliche Siedlungsform wie Kibbuz, jedoch ohne sozialistische Lebensform). Unser Gastgeber Bezalel zeigt uns seine Avocado-Plantage; er beliefert unter anderem Edeka in Deutschland. Dann lädt er uns nach Hause ein. Es gibt leckeren Kuchen und Früchte. Er erzählt von seinem Trauma aus dem April 1975: Es geht wieder um eine Geiselnahme, bei der die Familie seines Bruders betroffen war. Nur das Kind, Bezalels Neffe, überlebte. Bezalels Frau Nechama fasst die Bedrohungslage in einem Satz zusammen: die Frage ist nicht, ob sie wiederkommen, die Frage ist nur: wann! Bedrückend. Wie kann man hier ein ganz normales Leben führen und dabei – jedenfalls nach außen hin – so gelassen und zugewandt sein, wie es unsere Gastgeber sind?

 

Wir verabschieden uns aus dem „Finger von Galiläa“ und fahren nach Akko. Yalon führt uns – wie immer kenntnisreich – durch die Kreuzfahrerburg. Danach haben wir etwas Freizeit und lassen uns durch die Gassen der mittelalterlichen Stadt treiben. Mit dem Sonnenuntergang beginnt der Sabbat, sobald drei Sterne am Himmel zu erkennen sind. Zurück nach Degania.

 

Siebter Reisetag: 3. November 2018

Heute können wir – endlich – ausschlafen: dank eines Radrennens war die Strecke um den See Genezareth gesperrt, so dass der Bus nicht fahren konnte. Nach dem Ausschlafen sind wir durch den Kibbuz und zum angrenzenden Jordan gegangen. Um 12 Uhr brachen wir auf zu den christlichen Städten am See Genezareth: die Brotvermehrungskirche, Tabgha (das ist der Ort, an dem Jesus Petrus mit seiner Nachfolge beauftragte), Kapernaum und der Berg der Seligpreisungen. Sven hat eine Bibel dabei und liest die passenden Texte. Während die ersten beiden Orte trotz der vielen Menschen noch Ruhe ausstrahlen, erscheinen mir das Ausgrabungsfeld von Kapernaum und die Kirche der Seligpreisungen wie ein christliches Disneyland. Ja, es sind schöne Orte, durch die allerdings Menschenmassen trampeln. In den Gärten gibt es überall Altäre, in denen – nach Voranmeldung – Reisegruppen Gottesdienste abhalten können.

 

Am späten Nachmittag geht es auf nach Jerusalem, dem geistlichen und politischen Zentrum des Landes. Wir kommen rechtzeitig an, um in der Davidsburg – gleich beim Jaffa-Gate – die Lightshow zu sehen. Atemberaubend.

 

Mein Fazit des Tages: so schön die Orte an See Genezareth sind – Glaube findet im Herzen statt und ist an diese Orte nicht gebunden.

 

Achter Reisetag: 4. November 2018

Morgens haben wir ein Treffen mit Arye Sharuz Shalicar, einem jüdischen Deutsch-Iraner, der jetzt in Israel lebt und Sprecher der israelischen Armee (für Europa) war und derzeit für das Sicherheits-Ministerium im Büro des Ministerpräsidenten arbeitet. Er hält einen Vortrag, schildert uns seine Einschätzung der Sicherheitslage und beantwortet Fragen. Zugespitzt formuliert sieht er Israel drei Bedrohungen ausgesetzt: dem Iran, dem Iran und dem Iran. Ich glaube, er hält uns Europäer für „Weicheier“. Allerdings öffnet er auch unseren Blick auf die Auseinandersetzungen, die es innerhalb der islamischen Welt gibt.

 

Danach führt uns Yalon durch Teile der Neustadt und durch die Altstadt von Jerusalem. Zuerst sind wir auf dem Zionsberg (dort ist eine Kirche am Todesort Marias sowie der Raum des letzten Abendmahls), dann gehen wir zur Klagemauer und schließlich in die Grabeskirche. Während an der Klagemauer diejenigen dominieren, denen der Besuch ein religiöses Anliegen ist, mischt sich in der Grabeskirche tiefe Religiosität mit Wunderglauben und Klamauk. Touristenmassen schieben sich durch die unübersichtlich verschachtelten Kapellen der Kirche. Den Nachmittag haben wir zur freien Verfügung und lassen uns durch die Gassen der Altstadt treiben. Abends sind alle platt.

 

Neunter Reisetag: 5. November 2018

Heute gibt es schwere Kost. Zunächst fahren wir nach Yad Vashem, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte im Westen Jerusalems. Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, allen ermordeten Juden einen Namen (zumindest jeweils ein Datenblatt) und ein Gesicht (also ein Bild) zu geben. Weit über vier Millionen Menschen sind bereits dokumentiert. Eine Ausstellung behandelt die Geschichte des Antisemitismus und besonders die Entwicklung ab 1933. Als Deutsche haben wir das – zweifelhafte – Privileg, die Originaldokumente lesen zu können: die Befehle, Anordnungen und Ausgänge sind auf Deutsch. Für das, was passiert ist, gibt es keine Worte. Mut machend ist es, dass es auch Menschen gegeben hat, die selbstlos Juden geholfen haben: derer wird im Garten der Gerechten unter den Völkern gedacht.

 

Von Yad Vashem fahren wir nach Sderot, einem Ort am nördlichen Gazastreifen, wohl der am meisten beschossene Ort Israels. Die Bedrohung kommt aus dem Gazastreifen. Jedes Haus, jeder Spielplatz ist mit Bunkern ausgerüstet und auch neben jeder Bushaltestelle kann man einen verriegelten Bunker sehen, der im Alarmfall automatisch entriegelt wird. Die Vorwarnzeit ist extrem kurz: nur zehn Sekunden. Erst gestern war hier wieder Alarm. Unsere örtliche Stadtführerin, Orgenia, führt uns in die Nähe der Grenze und berichtet von Angriffen mit Katjuscha- Raketen und Granaten, von Terror-Tunneln und Feuerdrachen und von Kinderballons mit Sprengmitteln. Sie berichtet von der Freundin ihrer Tochter, die nur 22 Jahre alt wurde. In der Stadt Sderot wird viel gebaut – nicht nur Bunker. Warum ziehen Menschen hier in diese Gefahrenzone? Nur weil Mieten hier billiger sind? Wenn es so ist, dass die hohen Mieten in Tel Aviv, Jerusalem und an der Küste die weniger wohlhabenden Menschen in die Gefahrenzone abdrängen, dann birgt dies erheblichen sozialen Sprengstoff für Israel. Orgenia macht mir auch ein anderes Problem bewusst: sie berichtet nämlich, dass vor der 2. Intifada – also bis 2001 – die Grenzen noch durchlässig waren und Menschen aus dem Gazastreifen in Israel arbeiteten oder Israelis in den Gazastreifen fuhren. Der nachwachsenden Generation fehlt die eigene Anschauung, dass auf der anderen Seite auch Menschen leben – und keine Monster.

 

Fazit des Tages: Israel steht sehr unter Druck. Der Druck kommt von allen Seiten – von Nord und von Süd, aus der Gegenwart und aus der Vergangenheit.

 

Zehnter Reisetag: 6. November 2018

Bethlehem steht auf dem Programm. Yalon kann wieder nicht mit, da er Israeli ist und Bethlehem zur palästinensischen Autonomiezone A gehört. Die Stadt ist eingemauert von einer 8,20 Meter hohen Mauer mit Stacheldraht. Zuerst geht es auf das Feld der Hirten. Kamal ist orthodoxer Christ und hat seine eigenen Ideen über die Rolle der Hirten. Er zeigt uns aber auch die israelischen Siedlungen, die weit über das israelische Kernland hinauswuchern und Bethlehem – buchstäblich – das Wasser abgaben. Er schildert die ohnmächtige Wut der Bethlehemer hierüber. Die Geburtskirche betreten wir durch das Tor der Demut – die ist nur 1,20 Meter hoch, so dass sich jeder verbeugen muss. Wir kommen in eine helle, freundliche, aber überlaufene orthodoxer Basilika. Daneben befindet sich eine katholische Kirche und darunter viele Höhlen. Die – vermeintliche – Geburtshöhle Jesu ist geteilt, so dass beide Kirchen darüber stehen können. Kamal nimmt uns mit in eine orthodoxe Kirche, in der ein alter Herr das Vaterunser auf Aramäisch – der Sprache Jesu – singt. Ergreifend. Dann nimmt uns Kamal in den Nachbarort Beit Jala in sein Haus. Seine Mutter lädt uns zum Essen ein und berichtet von ihrem Leben; als Palästinenserin hat sie ihre Kindheit in Bonn verbracht. Sie macht sich viele Gedanken über das Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis. Ich verstehe langsam, dass der eigentliche Konflikt nicht zwischen beiden Gruppen, sondern in ihnen verläuft, nämlich zwischen den Hardlinern und den Friedensbereiten. Ich verstehe die Verzweiflung der Palästinenser. Zurück nach Jerusalem.

 

Abreisetag: 7. November 2018

Am Vormittag können wir noch Zeit in Jerusalem verbringen. Um 12 Uhr brechen wir vom Hotel auf. Wir stoppen noch einmal bei der Knesset, dem israelischen Parlament. Einen weiteren Stopp legen wir ein in En Karm, einem schön gelegenen orientalischen Dorf. An der Quelle, über die jetzt eine Kirche gebaut ist, sollen sich Maria und ihre Cousine Elisabeth als schwangere Frauen getroffen haben – Elisabeth ist die Mutter von Johannes dem Täufer. Hier scheint es überall historische Orte und Museen zu geben. Irgendwie ist es erstaunlich, dass dieses Land, das so in seiner Erinnerungskultur lebt, trotzdem der Zukunft zugewandt ist. Etwa einen Kilometer vor dem Flughafen und im Flughafen selbst haben wir unsere letzten Sicherheitskontrollen in Israel – und dann treten wir unsere Heimreise an.